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[aufgelesen von Edith Kögl]
Der
inzwischen verstorbene Schriftsteller, ehemals Kurdirektor in Bad Neuenahr,
erinnerte sich der Begegnung mit dem in Ahrweiler geborenen Kunstmaler Carl
Weisgerber, dessen Erinnerungstafel in Ahrweiler am Haus in der
Niederhutstraße Nr. 23 angebracht ist:
So
sah er aus, der Maler Carl Weisgerber, als ich ihn in seinem Düsseldorfer
Atelier besuchte: Ein Mann von schmalem, aber spannkräftigen Wuchs.
Aus seinen Gesichtszügen spricht jene heiter-ernste Art, die nur ein künstlerischer
Mensch zu einer Harmonie zu verschmelzen vermag. Hinter den großen
Brillengläsern funkeln zwei lebendige Augen, die den scharfen Beobachter
verraten. Der volllippige Mund zeigt gebändigte Kraft, das „Ja“
zum Leben, das auch seinem Pinsel warmes, lebensechtes Kolorit verleiht.
„Mir
scheint, Herr Weisgerber, Ihre Jugendzeit in Ahrweiler und die vielfarbigen
Erlebnisse, die Ihnen diese kleine rheinische Stadt geschenkt hat, sind auf
Ihre künstlerische Entwicklung nicht ohne Einfluss geblieben“. Der
Siebzigjährige nickt lächelnd und fast geistesabwesend. Er geht einen
langen Weg zurück: „Schon das Elternhaus war nicht ohne Dinge, die irgend
etwas mit Kunst, wenn man will, zu tun hatten. So ungefähr das ganze
Jahr hindurch war eine der „großartigen Ideen“ meines Vaters in
Vorbereitung, der so nebenbei als Direktor sämtlicher Dilettantenbühnen
der Gegend funktionierte und als erste geschätzte Nummer allen willigen Zuhörern
teils die Gemüter, doch noch mehr die Zwerchfelle erschüttert hat. - Auch
mein Maltalent musste schon seiner Sache dienen. Theaterhintergründe von kühnen
Ausmaßen entstanden, und ich wurde neben meinem Vater eine „Berühmtheit““.
„Und dann ist doch wohl die Begegnung mit Professor Spatz, einem
anerkannten Düsseldorfer Maler, für Sie, den werdenden jungen Künstler,
von entscheidender Bedeutung geworden“, werfe ich ein. „Ja, ich vergesse
nie die erste Audienz bei ihm, als ich an einem Sonntagmorgen einen halben
Zentner Tier- und Landschaftsstudien in sein Hotel schleppte. Durch ihn
angeregt machte mein Studium große Fortschritte, so dass sich meine künstlerischen
Interessen durchsetzten und ich den Mut fand, Maler zu werden.“.
„Ihr
Weg führte Sie dann auf die Kunstakademie nach Düsseldorf zu den berühmten
Professoren Max Clarenbach und Julius Paul Junghanns, die beide Ihre Lehrer
wurden?“ „Ja“, bestätigte Weisgerber, „und es waren Jahre harter
Arbeit, die nun vor mir, dem Malschüler, lagen. Auch die Akademieferien,
die ich häufig im Ahrweiler Elternhaus verlebte, nutzte ich zu eifrigen
Studien. Mein künstlerisches Bemühen fand freilich in der Heimatstadt
nicht immer volles Verständnis: „Carl, deis du nit mie arbeide? Deis du
nur noch moole?“ So fragten mich die Klassenkameraden von einst, die
daheim im väterlichen Betrieb oder Weinberg werkelten.“
Ich
hatte mir schon lange ein ehrliches Urteil über Weisgerber gebildet, an
seinen vielseitigen Werken gemessen. „Die Landschaft wurde Ihnen, dem
„zum Schauen bestellten“ Künstler, zum Ziel Ihrer malerischen
Leidenschaft. Und Sie fanden, wenn Sie in späteren Jahren auch
Studienreisen in viele Länder wie Schweden, Holland, Belgien und Frankreich
bis Spanien, Italien, Jugoslawien und in die Schweiz führten, „Ihre“ Landschaft
in der herben Weite und Einsamkeit der Hohen Eifel; Sie fanden sie auch
in den Bergen des Sauerlandes. Der Niederrhein und der „Königliche
Park“, der Düsseldorfer Hofgarten, kehren ebenso häufig als Motive
wieder. Ihre malerische Liebe gilt der ungebrochenen Natur, in der
Landschaft und Siedlung, Mensch und Tier noch geruhsam verbunden sind - ohne
jedes störende Element“. Aus seinem Umgang formte sich auch Weisgerbers
weitere Entwicklung. „Ich bin mit Jägern und Förstern aufgewachsen.
Durch die Jagd kam ich zur Tiermalerei. Ich kann mich noch gut erinnern, wie
mich, als ich Schüler war, meine Eltern einmal am Weihnachtsabend suchten,
während ich bei einem Förster einen toten Reiher zeichnete. Schon als Kind
war mir eines Tages eine von dem Berliner Kunstverlag Cassirer
herausgegebene Kunstmappe mit Drucken nach Bildern des schwedischen
Tiermalers Bruno Liljefors in die Hände gefallen. Ich blieb zeitlebens ein
Verehrer dieses Künstlers und ebenso dessen Lehrers, des großen Tiermalers
Heinrich Zügel.“
„Unzweifelhaft
ist die Begegnung zwischen Mensch und Tier bei Ihnen zur Meisterschaft
gewandelt. Sie beherrschen nicht nur die Anatomie - die Flugtechnik des
Vogels, den tänzerischen Schritt des Pferdes, das Wild auf der Fährte, das
Tier in Spiel und Kampf -, Sie zeichnen mit „brüderlicher“ Liebe
und überzeugender Faszination. Ihre Jagdbilder, Szenen, die sehr oft zu
Kitsch und Klischee verleiten, sind lebensecht, ja lebensstrotzend, eine
Aussage von hohem künstlerischem Wert“. Ich steigerte mich in eine
ehrliche Begeisterung hinein - Weisgerber winkt bescheiden ab: „Schon seit
meiner Kinderzeit war die Welt des Zirkus für mich ein Magnet, daher meine
Impressionen aus der Arena“. „Gerade diese sind Bilder von
naturalistischer Eindringlichkeit, mit fast verspielter Leichtigkeit farbig
demonstriert. Ihre Palette ist vielgestaltig: Aus der Vogelwelt „Junge
Raubvögel im Horst“, „Schwäne im Hofgarten“, „Kämpfende Hähne“,
Jagdmotive „Durchbrechendes Schwarzwild“, „Eber von Hunden
gestellt“. Immer wieder gilt Ihr Interesse dem Gefährten des Menschen,
dem Haustier: „Schafherde am Niederrhein“, „Hengstparade im Landgestüt
Wickrath“. Und Ihre Künstlerhand illustriert die schillernde Farbigkeit
des Zirkusmilieus: „Zirkusarena im Freien“, „Elefanten im Zelt“.
Ihren Stift reizt das Muskelspiel des Tieres; Ihre Arbeiten spiegeln
Erlebnisse im Zoo, vollendete Reitkunst, Dressur- und Jagdspringen
meisterhaft wider.“
Der
Maler unterbrach meine Hinweise auf das weitgesteckte Feld seiner Motive,
und Bitterkeit schwingt unversehens in seiner Stimme mit: „Sie überschätzen
mich. Ich habe mich gelegentlich schon einmal als einen der „letzten
Romantiker“ bezeichnet und wollte damit zum Ausdruck bringen, dass ich den
Weg zu den Avantgardisten nicht gefunden habe oder nicht finden wollte“. -
„Im übrigen ist es ja von jeher so: Der Lorbeer gehört immer dem
Neuen“, fügt er mit einem leisen Anflug von Resignation hinzu. Noch
einmal wende ich alle Überzeugungskraft auf: „Sie, Herr Weisgerber, haben
keinen Grund, Minderwertigkeitsgefühle zu hegen. Gerade Ihre Tierbilder überzeugen
durch einen gesunden Realismus, der auch in einer modernen Kunstära
durchaus seinen Platz behaupten wird. Zweifellos gebührt Ihnen das
Verdienst, die Beziehung zur Natur, die uns heute so vielfach verloren geht,
wachzuhalten und zu vertiefen, zugleich eine Zwiesprache zwischen Mensch und
Tier im Sinne eines Franz von Assisi. Dass Sie auf dem richtigen Weg sind,
beweist so manche verdiente Ehrung, die Ihnen, dem Maler und Zeichner,
zuteil geworden ist. Die Stadt Düsseldorf verlieh Ihnen den
Cornelius-Preis. Bedeutende öffentliche Sammlungen kauften Ihre Bilder an.
Ihre künstlerische Aussage hat auch heute in vollem Umfang Gültigkeit.“ Wie
bei jeder Künstlernatur spiegeln sich im Gesicht von Weisgerber bei meinem
Abschied Licht und Schatten; Zweifel und Selbstbewusstsein formen nach
Erfolg und Niederlage den Menschen und sein Werk.
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